Umweltgerechtigkeit stärken durch „Schimmelberatung“

Häufig wohnen finanziell benachteiligte Menschen in unsanierten Wohnungen bzw. Häusern, da meist die Mieten günstiger sind. Verschiedene Faktoren, wie Dämmung, Luftfeuchtigkeitsgehalt, Durchlüftung, usw. können Schimmelbildungen in den Wohnungen begünstigen. Da die Schimmelbildung zu verschiedenen Gesundheitsschäden führen kann, ist der Vermieter nach zeitnaher Meldung von Mieter verpflichtet den Schimmel zu beseitigen.

© Paul Marx / PIXELIO
(© Paul Marx / PIXELIO)

Infolge entstehen häufig Streitigkeiten über die Ursachen der Schimmelbildung. Finanziell benachteiligte Menschen können sich oft keinen Rechtsbeistand, Gutachter oder ähnliches leisten, genau hier hilft die Verbraucherzentrale Nordrhein-Westfalen.

An wen richtet sich das Projekt?

Das Angebot der sogenannten „Schlichtungsberatung“ richtet sich an MieterInnen und VermieterInnen von Wohnräumen mit Schimmelpilzschäden, deren Ursachenfrage strittig ist.

In solchen Situationen werden die BewohnerInnen häufig dem Vorwurf des „falschen“ Heizens und Lüftens ausgesetzt. Sozioökonomisch benachteiligte Haushalte können diesem Vorwurf nur schwer begegnen, da sie Berater oder Sachverständigen zur Beurteilung der Situation vor Ort nicht bezahlen können. Die betroffenen MieterInnen sehen sich bei der Lösung ihrer Schimmelprobleme einer Vielzahl von gesundheitlicher, baulicher, rechtlicher, ökonomischer, sanierungstechnischer Fragestellungen und Schwierigkeiten ausgesetzt.

Die Klärung der Feuchtigkeitsursachen führt häufig zu langen Streitigkeiten bis hin zu gerichtlichen Auseinandersetzungen zwischen der Mieter- und Vermieterpartei. Oft kommt es zu einer Verzögerung der Schadensbeseitigung. In dieser Zeit können sich der Schaden und das Risiko möglicher gesundheitlicher Auswirkungen auf die BewohnerInnen vergrößern. Um die strittige Ursachenfrage zu vermeiden, werden oft nach Aussagen der Verbraucherzentrale laienhafte Beseitigungsmaßnahmen ergriffen, ohne dabei gesundheitlich unbedenkliche Mittel, Vorgehensweisen und Techniken einzusetzen oder den Schaden in ausreichender Weise zu beseitigen. Fachlich nicht korrekte Beseitigungen führen zu einem Fortbestand der Schäden und lassen Gesundheitsrisiken steigen. Zudem können unsachgemäßen Beseitigungen der MieterInnen ihnen ebenfalls angelastet werden. Um diesen Teufelskreis zu durchbrechen, wurde in Bielefeld ein Unterstützungsangebot konzipiert. Es soll eine frühzeitige Intervention und Inanspruchnahme von Beratungen, insbesondere für finanzschwache Haushalte, ermöglichen.

Die Beratungs- und Schlichtungsgremium setzen sich aus vier Fachpersonen vom Mieterbund Ostwestfalen-Lippe und Umgebung e.V., von der Eigentümerschutz-Gemeinschaft Haus&Grund, der größten Bielefelder Wohnungsgesellschaft BGW und der Verbraucherzentrale NRW sind an jeden beteiligt. Die Schadensfälle werden gemeinsam vor Ort besichtigt, zwischen allen Beteiligten beraten und bewertet. Der Konflikt kann außergerichtlich gelöst werden. Alle Beteiligten profitieren von dem fachlichen Ergebnis der Schimmelschäden, ihren Ursachen und möglichen Beseitigungsmaßnahmen mit geringem Zeit-, Person- und Finanzaufwand. Dies trägt zum Fortbestehen eines „gesunden“ Mietverhältnisses bei.

Wie trägt das Projekt zu Umweltgerechtigkeit bei?

22 Prozent der deutschen Haushalte, viele sozioökonomisch schlechter gestellte, sind vom Schimmelbefall betroffen. Die mögliche Gesundheitsgefährdung der BewohnerInnen gibt der fachgerechten Bewertung und Beseitigung im Schadensfall eine große Bedeutung. Diese Haushalte sind doppelt bei Feuchtigkeits- und Schimmelproblemen benachteiligt: Sowohl im Ausmaß der Schadenshäufigkeiten als auch in den Möglichkeiten ihrer Bewältigung.

Im deutschen Diskurs zur Umweltgerechtigkeit stehen die Wohn-Umfeldfaktoren, wie Verkehrslärm, Grünräume oder Außenluftqualität, im Vordergrund. Die Wohn(ungs)qualität in den eigenen vier Wänden steht im Hintergrund. Dabei ist die Innenraumluftqualität aufgrund der langen Aufenthaltszeiten gesundheitlich von Bedeutung. Die Problematik hängt zudem eng mit der Problematik der Energiearmut zusammen, die sich mit steigenden Heizpreisen zuspitzt. Sparsames Heizen und Lüften, bauliche Schäden und Schwachstellen sind die Hauptursachen. Menschen mit geringerem Einkommen wohnen häufiger in preiswerteren Wohnungen mit schlechterer Bausubstanz. Da in sozioökonomisch benachteiligten Haushalten häufig mehr Menschen auf weniger Raum leben, besteht ein höherer Risikofaktor für Feuchtigkeits- und Schimmelschäden.

Dies stärkt die These einer ungleich verteilten Belastung von Schimmelschäden in deutschen Haushalten. In Einzelstudien wurde dies seit Jahren mehrfach belegt. Auf europäischer Ebene wurde der Zusammenhang zwischen niedrigem sozioökonomischem Status und schlechten Wohnbedingungen eindeutig nachgewiesen.

Die gemeinsame Schimmelberatung vor Ort ist ein Baustein von mehreren, um auf lokaler Ebene der Ungleichverteilung umweltrelevanter Gesundheitsbelastungen zu begegnen. Die soziale Verteilung der Schäden kann nicht komplett fair geschaffen werden. Den Gesundheitsrisiken kann durch die Reduzierung der Expositionszeiten und -intensitäten entgegengewirkt werden. So bleibt zu hoffen - wenigstens ein wenig zu mehr Umweltgerechtigkeit beizutragen!

Mehr Informationen:
Dr. Marle Kopf
Verbraucherzentrale NRW Beratungsstelle Bielefeld
Internet: www.vz-nrw.de
E-Mail: bielefeld.umwelt@vz-nrw.de
Telefon: 0521-69550

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